erhellende Texte 
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 aus der Zollverein-Lampenstube

Nüchtern, sachlich - und dennoch mit Gefühl

Wer ein starkes Thema und relevante Fakten hat, der muss keine Reportage machen. Der schreibt einen Bericht. Als journalistischer Jungspund habe ich diesen verbalen Prellbock gehasst, auf den ich immer wieder aufgelaufen bin. Denn natürlich will man zeigen, was man als Autor draufhat, dass man geschliffen und scharf, geistreich und pointiert formulieren kann: Edelfedern schreiben keinen Bericht, die machen eine Reportage.
Dachte ich damals. Aber das ist natürlich Quatsch. Denn erstens darf auch ein Bericht sprachlich elegant sein, der muss keineswegs dröge daherkommen. Und zweitens stimmt es ja: Nicht jedes Thema muss zu einer Reportage ausgewalzt werden.

Deshalb diesmal ganz kurz und sachlich: Ein Bericht ist kompakter und nüchterner als eine Reportage (um die es beim nächsten Mal gehen wird), aber er ist mehr als eine ausführlich formulierte Meldung (um die es beim letzten Mal ging).

Mit Anfang und Ende

Das Wichtigste, der Kern der Nachricht, steht ebenso wie bei der Meldung am Anfang. Darauf folgen Einzelheiten, Hintergrund, Vorgeschichte, Zusammenhänge und relevante Zusatzinformationen.

Anders als die Meldung jedoch lässt sich der Bericht nicht von hinten kürzen, da er oft einer Chronologie folgt, einen argumentativen oder sonstwie logischen Aufbau hat – er hat einen Anfang und ein Ende.

Hintergrundberichte optimieren Reportagen

Hintergrundberichte haben für sich allein genommen keinen nachrichtlichen Kern, sondern ordnen eine aktuelle Nachricht oder Reportage ein und liefern zusätzliche Info zu einem aktuellen Ereignis. Besonders für einen Blog können solche Hintergrundberichte sehr hilfreich sein, denn sie verhindern, dass ein Übermaß an Informationen den Erzähl- und Lesefluss einer Reportage kaputt macht.

Beispiel Wanderung oder Radtour: Die harten Fakten zum Weg wie Länge, Anzahl der Etappen, Prädikate und Auszeichnungen von ADFC oder Wanderverband und deren Bedeutung sind zwar wichtig und relevant, lenken jedoch von Naturgenuss und menschlichen Begegnungen am Wegesrand ab. Wenn Sie so etwas in einem Hintergrundbericht zusammenfassen, entschlacken Sie die Reportage und erzeugen einen geschmeidigeren Lesefluss.

Der Bericht eignet sich für die sachliche Vermittlung komplexerer Informationen und spielt deshalb auch eine zentrale Rolle in der Krisen-Kommunikation. Ein guter, nüchternen Bericht ohne werblichen Pomp vermittelt auf der Meta-Ebene Seriosität und Professionalität – und eignet sich deshalb auch fabelhaft für die Information über Auszeichnungen und Zertifizierungen.

Sachlich – aber nicht emotionslos

Meldung und Bericht gelten als „nachrichtliche“ Darstellungsformen, das heißt: Sie sind nach allgemeiner Definition emotionsarm, unpersönlich und ohne erkennbare Haltung des Autors verfasst. In der Praxis lässt sich das kaum umsetzen, wie die folgenden Beispiele zeigen. Nummer eins ist die „Ur-Fassung“: Die Mitteilung der Polizei-Pressestelle Bielefeld bemüht sich zwar um äußerste Sachlichkeit, bleibt aber dennoch nicht wertungsfrei. So wird der Begriff „Dieb“ amtlicherseits eigentlich erst nach entsprechender gerichtlicher Verurteilung benutzt – davor ist ansonsten üblicherweise vom „Tatverdächtigen“ die Rede. Auch der Begriff „polizeibekannt“ ist im Rahmen einer solche Mitteilung ungewöhnlich wertend.

Die Nummern zwei und drei sind typische redaktionelle Bearbeitungen, wie sie etwa für die Veröffentlichung in Tageszeitungen vorgenommen werden. Diese sind stärker zugespitzt, emotional ansprechend und lassen den aufmerksamen Leser eine Haltung des Autors erkennen.

 

1. POL-BI: Parfüm-Dieb wehrt sich

Bielefeld (ots) Ein Ladendetektiv hielt am Montag, den 18.02.2019, einen Täter nach dem Diebstahl von Parfüm in einer Drogerie in der Bahnhofstraße fest. Der Dieb setzte sich zur Wehr.

Gegen 12:15 Uhr fiel dem Ladendetektiv des Geschäftes eine Person auf, die Parfümpackungen aus der Auslage nahm. Der Zeuge beobachtete, wie der Mann die Packungen in seine Jackentasche steckte und die Kasse passierte, ohne die Ware zu bezahlen.

Der Ladendetektiv sprach den 22-jährigen Dieb an und hielt ihn fest. Der Festgehaltene versuchte, sich durch Schläge zu befreien. Ein Zeuge eilte dem Ladendetektiv zur Hilfe und zusammen hielten sie den Täter bis zum Eintreffen der Polizeibeamten fest.

Die Parfüms im Wert von mehreren Hundert Euro blieben im Geschäft. Die Beamten nahmen den polizeibekannten Täter, der keinen festen Wohnsitz in Deutschland besitzt, mit zur Wache. Kriminalbeamte führten ihn am Dienstag, 19.02.2019, dem Richter vor, der Haftbefehl erließ.


2. Dreister Diebstahl vereitelt

Bielefeld. Einen besonders dreisten Ladendieb nahmen Polizeibeamte am gestrigen Montag in einer Drogerie an der Bahnhofstraße fest.

Der 22-jährige Täter hatte sich die Jackentaschen mit Parfüm-Flakons im Gesamtwert von etlichen Hundert Euro vollgestopft. Vom Ladendetektiv auf frischer Tat ertappt, setzte sich der Dieb brutal zur Wehr, konnte jedoch durch das mutige Eingreifen eines Passanten an der Flucht gehindert werden.

 


3. Bürger zeigt Zivilcourage:
Brutaler Ladendieb überwältigt

Bielefeld. Die Polizei war noch nicht eingetroffen, der Laden-Detektiv in schwerer Bedrängnis – da fasste sich ein mutiger Bürger ein Herz und half, einen brutalen Ladendieb zu überwältigen.

Der 22-jährige Täter hatte sich am gestrigen Montag in einer Drogerie an der Bahnhofstraße die Jackentaschen mit hochwertigen Luxus-Parfüms gefüllt. Dabei blieb er nicht unbeobachtet. Kurz hinter der Kasse stellte der Hausdetektiv den Langfinger zur Rede. Der schlug sofort um sich und versuchte zu fliehen.

Dass der polizeibekannte Täter ohne festen Wohnsitz nicht entkam, dass er zeitnah dem Richter vorgeführt und in Untersuchungshaft genommen werden konnte, ist letztlich der Zivilcourage eines mutigen Mitbürgers zu verdanken.

Informieren, nicht langweilen

Es ließe sich trefflich streiten, ob diese Beispiel-Texte wirklich Berichte reinsten Wassers sind. „Langfinger", „brutal", „dreist" - die Texte wimmeln nur so vor wertenden Begriffen. Aber erstens würde eine Reportage noch dicker auftragen, würde die Szene anschaulicher und detaillierter beschreiben, würde die Beteiligten zu Wort kommen lassen und das Geschehen einordnen. Und zweitens schreiben wir weder für die Galerie noch fürs Lehrbuch, sondern für den Leser. Und der will informiert und nicht gelangweilt werden. Eigentlich wäre dies der perfekte Schlusssatz: tiefsinnig, von allgemeiner Gültigkeit und resümierend. Da dieser Text jedoch unverkennbar kein Bericht ist, hat er zwar einen Anfang aber keine Ende in dem Sinne. Vielmehr schließt er mit der ...

... Anregung für eine kleine Fingerübung:

Verfassen Sie weitere Variationen der Beispiel-Meldung. Indem Sie unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellen und durch die Wahl entsprechender Adjektive können Sie auf Grundlage der immer gleichen Fakten zum Beispiel …

  • einen kapitalismuskritischen Bericht verfassen, der das Schicksal des wohnungslosen Diebes in den Vordergrund stellt.
  • einen polizeikritischen Bericht erstellen, indem Sie betonen, dass ohne privaten Wachdienst und ohne Bürgerhilfe der Dieb entkommen wäre.
 
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